"Die Familie macht mich stark"

Olympiasieger und Typ-1-Diabetiker Matthias Steiner über das Leben nach dem Karriere-Ende, die Familie und den selbstbewussten Umgang mit seiner Krankheit.

Mannheim, im Mai 2013

Accu-Chek Services - Die Familie macht mich stark
Matthias Steiner, Sie haben für unvergessene Olympia-Momente gesorgt – sowohl bei Ihrem Gewinn der Goldmedaille in Peking 2008 als auch bei Olympia in London letzten Sommer, als Ihnen die Hantel in den Nacken krachte. Vor 6 Wochen nun haben Sie Ihre Profi-Karriere für beendet erklärt. Wie fühlt sich das für Sie an?

Ungewiss. Als Sportler hatte ich ja immer ein Ziel vor Augen, die Olympischen Spiele zum Beispiel. Das fehlt nun. Meine Frau und ich sind seit Kurzem selbstständig, wir haben eine Firma gegründet – jetzt geht die Projektfindungsphase los. Ich habe schon einige Gespräche geführt und interessante Angebote erhalten. Aber ich muss auch für mich noch schauen und herausfinden, was ich wirklich will und was mir Spaß macht.

 

Wird der Leistungssport Ihnen fehlen?

Sicher. Aber ich habe mich für die Familie entschieden, nach der Geburt von Max im Februar habe ich immer mehr gemerkt, dass der Spagat zwischen Familie und Profisport zu groß wurde. Aber ich mache ja trotzdem noch viel Sport, für mich selbst. Ich spiele zum Beispiel leidenschaftlich gerne Tennis. Auch Radfahren macht mir viel Spaß, ab und zu gehe ich schwimmen. Aber auch sonst versuche ich, möglichst viel Bewegung in meinen Alltag zu bringen, oft sind es ganz einfache Dinge, zum Beispiel das Auto auch mal stehen zu lassen und mehr zu Fuß zu gehen. Ich muss mich einfach bewegen, ich kann gar nicht anders.

2013 scheint für Sie ja das Jahr der Veränderungen zu werden – sportlich das Karriereende, beruflich der Weg in die Selbstständigkeit, privat der Familienzuwachs im Februar, Ihre Familie plant außerdem den Umzug von Heidelberg in die Gegend zwischen München und Salzburg. Das ist ja schon eine ganze Menge, aber auch in Ihrer Diabetes-Therapie möchten Sie eine Veränderung vornehmen...

Ja genau, ich habe mich in Absprache mit meinem Diabetologen entschieden, auf die Insulinpumpentherapie umzusteigen, ganz einfach weil ich mir davon eine größere Unabhängigkeit im Alltag verspreche. Als ich noch Leistungssport betrieben hatte, habe ich ja einen recht festen Tagesablauf gehabt – aufstehen, frühstücken, trainieren, essen, trainieren, essen, schlafen. Das ist jetzt natürlich komplett anders. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen habe ich nun ja einen recht unregelmäßigen Tagesrhythmus, mal bin ich beruflich auf einer Veranstaltung unterwegs, mal bin ich aber auch Familienmensch und kümmere mich zuhause um unsere beiden Söhne. Mit einer Insulinpumpe kann ich flexibler auf den jeweiligen Tagesablauf reagieren. Worauf ich mich auch richtig freue, ist nachts durchschlafen zu können, da ich mir nicht mehr um 3 Uhr oder 4 Uhr den Wecker stellen muss, um meinen Blutzuckerwert zu kontrollieren. Die Insulinpumpe gibt ja in kurzen Abständen, alle paar Minuten, kleinste Mengen Insulin an den Körper ab und orientiert sich dabei am Basalratenprofil. Zu Beginn der Insulinpumpentherapie, so hat es mir mein Diabetologe erklärt, wird für jeden Insulinpumpenträger ein solches Profil ermittelt und in die Insulinpumpe eingegeben. Die Insulinpumpe folgt dann 24 Stunden am Tag den Vorgaben des Profils, sodass sich Insulingrundbedarf und Insulinversorgung weitgehend decken und ich auch nachts auf der sicheren Seite bin.

Sehen Sie weitere Vorteile in der Insulinpumpentherapie für sich?
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Auf jeden Fall. Was mir sehr wichtig ist, ist spontan Dinge unternehmen zu können. Wenn mich beispielsweise ein Freund anruft und mich fragt, ob ich Lust auf eine Partie Tennis habe, dann ist das mit meiner bisherigen intensivierten konventionellen Insulintherapie schwierig, wenn ich kurz vorher Insulin gespritzt habe. Der Sport würde – genau wie das Insulin – den Blutzuckerspiegel weiter absenken und ich würde Gefahr laufen, in eine Unterzuckerung zu rutschen. Mit dem Accu-Chek Combo Insulinpumpen-System dagegen habe ich die Möglichkeit, die Basalrate für den Sport vorübergehend abzusenken, das ist ausgesprochen praktisch. Was bei mir ja auch vorkommt, ist, dass ich zu Empfängen eingeladen werde – dann kann es passieren, dass sich bei einem Gala-Dinner das Essen abends über Stunden hinweg zieht und über mehrere kleinere Gänge verteilt. Mit dem Insulinpen ist das fast nicht auszutarieren, mit der Insulinpumpe dagegen kann ich für das Bolusinsulin, also das Mahlzeiteninsulin, dann einen verzögerten Bolus auswählen, das ist dann natürlich ideal.

Würden Sie also sagen, dass der Umgang mit Diabetes heute durch eine modernere medizinische Technik einfacher geworden ist?

Unbedingt. Das gilt aber nicht nur für die Insulinpumpentherapie, sondern auch für die Blutzuckermessung. Ich habe z. B. jetzt jahrelang mit Accu-Chek Mobile ein Blutzuckermessgerät genutzt, das gar keine einzelnen Teststreifen hat, sondern eine Testkassette, mit der ich fünfzig Mal hintereinander messen kann. Das heißt für mich im Alltag, dass ich schnell weiß, wo ich mit meinem Blutzucker stehe und darauf reagieren kann. Solche Geräte gab es 2000, als ich die Diagnose bekam, noch nicht. Aber generell hatte ich sozusagen das Glück, erst relativ spät an Diabetes erkrankt zu sein. Die medizinischen Möglichkeiten waren damals schon ziemlich gut. Die Ärzte haben zwar gesagt: "Typ-1-Diabetes – das war’s dann mit dem Gewichtheben." Und es gab auch im sportlichen Bereich einige Leute, die mich komplett abgeschrieben hatten. Aber aufhören kam für mich nie wirklich in Frage. Ich habe dann eine Reihe von Schulungen gemacht, um zu lernen, wie ich mit meiner speziellen Situation als Hochleistungssportler zurechtkomme. Da habe ich auch gelernt, dass ich meinen Blutzuckerspiegel sehr flexibel kontrollieren muss. Und dabei unterstützen mich die Lösungen von Accu-Chek. Das ist wirklich eine große Hilfe.

Accu-Chek Services - Die Familie macht mich stark
In den Schulungen haben Sie sicher auch viel zum Thema Ernährung gehört. Achten Sie jetzt, da Sie Ihre Profi-Karriere beendet haben, noch besonders auf Ihre Ernährung?

Ich achte grundsätzlich immer auf meine Ernährung. Zu viel Fett ist bei mir wie auch bei allen anderen Menschen schlecht. Ein mageres Steak, dazu gedünstetes Gemüse oder frische Salate mit einem bissl Rapsöl oder Olivenöl. Das esse ich sehr gern, weil es erstens super schmeckt und zweitens, weil es mir gut tut. Alles in allem ist es einfach wichtig, sich ausgewogen zu ernähren. Was mir zum Beispiel super hilft, wenn ich Sport treibe, ist Trockenobst, für einen Diabetiker wie mich ist das ideal. Wenn bei mir in der Ernährung etwas nicht gut läuft, dann merke ich das sofort. Mein Körper gibt mir sofort Feedback, weil ich ja ständig meinen Blutzuckerspiegel messen muss. Mit meinem Accu-Chek Mobile geht das relativ leicht, da messe ich bis zu 15 Mal am Tag. Dadurch kann ich meinen Körper sehr schnell ziemlich perfekt einstellen.

Sie wiegen derzeit gut 140 Kilo. Werden Sie abnehmen?

Ein paar Projekte als Gewichtheber habe ich in diesem Frühjahr noch. Aber in zwei, drei Jahren möchte ich 40 Kilo weniger wiegen. Mein Ziel sind die 105 Kilo, die ich bis zum Alter von 22 Jahren hatte. Die Leute denken immer, ich bin so kräftig auf die Welt gekommen. Das stimmt aber nicht. Ich habe damals nach Olympia in Athen entschieden, in die höhere Gewichtsklasse beim Gewichtheben zu wechseln und bewusst Körpergewicht aufgebaut. Jetzt will ich in gesunden Schritten abnehmen und auf mein altes Gewicht zurückkommen.

Ohne ständige Wettkämpfe und Trainingslager haben Sie momentan ja viel mehr Zeit für Ihre Familie. Genießen Sie diese Zeit bewusst?

Unbedingt. Meine Familie ist der größte Rückhalt, den es gibt. Auch in schwierigen Zeiten, wenn ich beispielsweise verletzt war, war meine Familie immer für mich da und hat mich aufgefangen. Sie hat mir die Kraft gegeben, um weiterzumachen und an mich zu glauben. Jetzt, wo unser zweites Kind da ist, ist unser Glück perfekt. Ich habe eine tolle Frau und zwei gesunde Söhne. Ich bin sehr glücklich.

Sie sind als Mensch mit Diabetes der stärkste Mann der Welt geworden – welche Botschaft ergibt sich für Sie daraus?

Jeder kann alles schaffen. Als bei mir Diabetes Typ-1 diagnostiziert wurde, rieten mir die Ärzte wie gesagt vom Sport ab. Mein Ehrgeiz und meine Sturheit wollten das aber nicht dulden und so habe ich noch im Krankenhaus auf eigene Verantwortung Sport getrieben. Für Zweifel gab es keinen Platz, ich habe mein Ziel nie aus den Augen verloren. Jeder Mensch, ob Diabetiker oder nicht, braucht Ziele, die ihn täglich fordern und fördern. Dazu braucht es Disziplin und einen starken Willen. Zwei Eigenschaften, die sehr wichtig sind, wenn man seine Ziele erreichen will.

Wie verbreitet ist die Krankheit im Sport?

Ich weiß nicht, ob man das überhaupt so generell sagen kann, denn viele Betroffene gehen mit dieser Krankheit immer noch nicht offen um. Ich persönlich kenne Sportler, die an Diabetes leiden und das nicht offen sagen, weil sie leider zu Recht glauben müssen, dann ihren Förderungsanspruch durch die unterschiedlichsten Institutionen zu verlieren. Aus meiner Sicht ist dieses Verschweigen der völlig falsche Ansatz. Man muss offen damit umgehen, und das gilt nicht nur für die direkt Betroffenen, sondern auch für die Verantwortlichen in den Vereinen und Verbänden. Diese Heimlichtuerei, zu der viele Athleten indirekt gezwungen werden, kann nicht gut sein. Das schadet allen Beteiligten. Diabetes ist kein Stigma, Diabetes ist definitiv eine Krankheit, aber eine Krankheit, mit der man heute dank der modernen Medizintechnik sehr, sehr gut leben kann. Man kann sogar Hochleistungssport damit betreiben. Man muss es nur zulassen.

Sie engagieren sich stark dafür, über Diabetes aufzuklären. Was macht diese Arbeit für Sie so wichtig?

Die wachsende Zahl an Diabetikern gepaart mit dem Unwissen über Diabetes in der Gesellschaft. Nicht nur im Sport, auch in einigen Berufsgruppen wirkt Diabetes noch wie ein Stigma. Das kann ich nicht verstehen, es macht mich wütend. Daher nutze ich meine Bekanntheit, um allen Diabetikern eine Stimme zu geben und um Aufklärung zu leisten.

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