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Mehr Diabetestypen – bessere Chance auf präzise Therapie

Mehr Diabetestypen – bessere Chance auf präzise Therapie

Diabetes ist nicht gleich Diabetes, auch wenn vielen Menschen der Unterschied zwischen Typ-1 und Typ-2 nicht bewusst ist. Nun wird es sogar noch komplizierter: Forscher differenzieren neuerdings sogar zwischen fünf verschiedenen Diabetestypen. Das klingt kompliziert – hilft aber besser als die alte Klassifizierung dabei, die für den Einzelnen beste Therapie zu finden und das Risiko für Folgeerkrankungen möglichst gut einzuschätzen.

Für Menschen, die mit Diabetes nichts weiter zu tun haben, ist die Einteilung der verschiedenen Diabetestypen meist ein Buch mit sieben Siegeln. „Hast du den schlimmen Zucker, bei dem man spritzen muss?“ ist eine Frage, die vermutlich die meisten Menschen mit Diabetes schon einmal gehört haben. Dabei galt es bislang im Wesentlichen nur zwei Diabetestypen zu unterscheiden: den autoimmunen Typ-1-Diabetes, bei dem das Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, und den insulinresistenten Typ-2-Diabetes, bei dem die Zellen unempfindlich für das körpereigene Insulin werden.

Starre Einteilung in Typ 1 und 2 wird nicht allen Menschen mit Diabetes gerecht

Doch in den vergangenen Jahren hat sich immer häufiger gezeigt, dass diese starre Einteilung längst nicht allen Menschen mit Diabetes gerecht wird. Bereits im Jahr 2018 hatten schwedische Wissenschaftler die herkömmliche Klassifizierung in nur zwei Diabetestypen infrage gestellt.1 Und nun liefert auch eine aktuelle Studie aus Deutschland Hinweise darauf, dass man offenbar genauer hinsehen und zwischen verschiedenen Subtypen der Stoffwechselerkrankung unterscheiden muss. Forscher des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) und ihre Partner vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) sowie der Universität Lund2 in Schweden haben hierfür bei Menschen mit frisch diagnostiziertem Typ-1- bzw. Typ-2-Diabetes verschiedene Stoffwechselmerkmale untersucht und dabei Muster entdeckt, die für eine differenziertere Einteilung in fünf Diabetestypen sprechen.

Untersuchung auf genetische Marker und Stoffwechselparameter

In der Studie wurden an bundesweit acht Zentren mehr als 1.100 Menschen mit neu diagnostiziertem Diabetes über zehn Jahre begleitet. Man untersuchte sie auf spezielle genetische Marker und dokumentierte Insulinempfindlichkeit, Insulinproduktion der Betazellen in der Bauchspeicheldrüse, Alter bei Diagnose, Body-Mass-Index (BMI) und Langzeit-Blutzuckerwert (HbA1c). Anschließend sortierte man die Teilnehmenden der Studie in Gruppen und analysierte, wie häufig typische Komplikationen und Begleiterkrankungen des Diabetes in den einzelnen Gruppen – „Cluster“ genannt – im Zeitraum von fünf Jahren auftraten. Aus dieser Analyse ergab sich die neue Einteilung in fünf verschiedene Diabetestypen, deren Stoffwechselmuster und Krankheitsverlauf sich zum Teil deutlich unterscheiden.

Dies sind die neuen fünf Subgruppen des Diabetes bei Erwachsenen:

  • Gruppe 1: SAID (Schwerer Autoimmun-Diabetes). Dieser Typ wurde bei 22 Prozent der Untersuchten vorgefunden und entspricht im Wesentlichen dem Typ-1-Diabetes und dem spät einsetzenden Diabetes-Typ LADA (Latent Autoimmune Diabetes in Adults). Die Betroffenen sind zum Zeitpunkt der Diagnose meist noch jung, und im Labor lassen sich Antikörper gegen die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse feststellen. Ihr Stoffwechsel lässt sich schwer einstellen, sie weisen eine gestörte Insulinproduktion auf und müssen Insulin von außen zuführen.
  • Gruppe 2: SIDD (Schwerer Insulin-defizienter Diabetes). Dies ist eine neue Subgruppe des Typ-2-Diabetes, die bei 3 Prozent der Untersuchten festgestellt wurde. Hierbei handelt es sich um Menschen mit hohen HbA1c-Werten, gestörter Insulinproduktion und moderater Insulinresistenz. Das heißt, dass ihre Zellen nicht mehr so gut auf Insulin ansprechen wie die stoffwechselgesunder Menschen. Diese Gruppe ist besonders gefährdet, Folgeerkrankungen an den Augen und an den Nerven (diabetische Neuropathie) zu entwickeln.
  • Gruppe 3: SIRD (Schwerer Insulin-resistenter Diabetes). Auch dies ist eine neue Subgruppe des Typ-2-Diabetes, die bei 11 Prozent der Untersuchten anzutreffen ist. Zu diesem Typ gehören Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas) und schwerer Insulinresistenz. Das heißt, dass ihre Zellen kaum noch auf das körpereigene Insulin ansprechen. In dieser Gruppe kommt es besonders häufig zu Nierenschäden und einer nichtalkoholischen Fettleber infolge des Diabetes.
  • Gruppe 4: MOD (milder Adipositas-assoziierter Diabetes). Dies ist ebenfalls eine neue Subgruppe des Typ-2-Diabetes und umfasst 29 Prozent der in der Studie untersuchten Patienten. Zu dieser Gruppe zählen Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas), die bereits in relativ jungen Jahren an Diabetes erkranken.
  • Gruppe 5: MARD (milder altersbedingter-Diabetes). Dies ist eine weitere neue Subgruppe des Typ-2-Diabetes und umfasst die mit 35 Prozent der Untersuchten die größte Gruppe und auch die ältesten Patienten.

 

Bessere Strategien für Vorbeugung und für maßgeschneiderte Behandlung

Fünf statt zwei Diabetestypen – das sieht auf den ersten Blick zwar unnötig kompliziert aus. Doch tatsächlich könnten die aktuellen Erkenntnisse dazu beitragen, dass Menschen mit Diabetes künftig eine besonders zielgenaue Therapie erhalten. Denn tatsächlich stellten die Forscher fest, dass zwei der neu entdeckten Untergruppen ein höheres Risiko für Fettlebererkrankungen und Nervenschäden (Neuropathie) aufweisen als die anderen drei Typen – und zwar bereits innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Diagnose. Die Studienleiter hoffen nun, dass man bessere Strategien für die Vorbeugung (Prävention) und für die maßgeschneiderte Behandlung bei den jeweiligen Risikogruppen entwickeln kann, wenn man den exakten Diabetestyp kennt. Es gilt also herauszufinden, ob man bei Menschen mit SIDD (Gruppe 2) Komplikationen an den Augen vermeiden kann, wenn sie früher und häufiger zur augenärztlichen Kontrolle gehen. Ebenso möchten die Forscher untersuchen, mit welchen Vorsorgeuntersuchungen und Therapiemaßnahmen man Menschen mit SIRD (Gruppe 3) besser vor den Langzeitkomplikationen im Herz-Kreislauf-System und in den Nieren schützen kann.

Die neue Einteilung in fünf Diabetestypen kann also zum einen den Verlauf besser vorhersehbar machen und zum anderen gezielter helfen, Spätfolgen vorzubeugen.

 

Quelle

1 Ahlquist et al.: Novel subgroups of adult-onset diabetes and their association with outcomes: a data-driven cluster analysis of six variables. In: Lancet 2018 https://www.thelancet.com/journals/landia/article/PIIS2213-8587(18)30051-2/fulltext

2 Zaharia et al.: Risk of diabetes-associated diseases in subgroups of patients with recent-onset diabetes: a 5-year follow-up study. In: Lancet 2019  https://www.thelancet.com/journals/landia/article/PIIS2213-8587(19)30187-1/fulltext

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