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Man steht dem Diabetesstress nicht alleine gegenüber: Der Austausch in Selbsthilfegruppen kann beispielsweise dabei helfen, Stress zu reduzieren.

Mehr Unterstützung für die diabetesgestresste Seele

Arzttermine, Blutzuckermessen, Kampf mit den Pfunden, Angst vor Folgeerkrankungen – eigentlich ist es kein Wunder, dass Menschen mit Diabetes ein erhöhtes Risiko haben, psychische Störungen bzw. Erkrankungen zu entwickeln. Experten fordern deshalb mehr psychosoziale Behandlungsmöglichkeiten, um diese Belastungen zu reduzieren

Diabetes mellitus ist in Summe vor allem eine körperliche Erkrankung. Der Glukosestoffwechsel gerät aus dem Takt, weil die Bauchspeicheldrüse kein eigenes Insulin mehr produziert (Typ-1-Diabetes) bzw. weil die Körperzellen nicht mehr empfindlich genug auf Insulin reagieren (Typ-2-Diabetes). Doch wie jede chronische Erkrankung kann Diabetes auch die Psyche stark belasten – sowohl die der Betroffenen als auch die ihrer Angehörigen. In der 2012 veröffentlichten DAWN2-Studie1 gaben etwa ein Viertel der in Deutschland befragten Menschen mit Diabetes und ungefähr ebenso viele Angehörige an, dass die Erkrankung ihnen Stress bereitet und sich auf ihr emotionales Wohlbefinden auswirkt. Unter Psychologen nennt man dies auch „Diabetes-Stress“.

Diabetes-Stress erhöht das Risiko für Depressionen

Beim Zukunftstag Diabetologie2 2019 widmete sich die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) genau diesen diabetesbezogenen psychischen Belastungen. Prof. Bernhard Kulzer, Psychologe am Diabetes Zentrum Mergentheim, betonte: „Starke diabetesbezogene Belastungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Depressionen um den Faktor 2,5. Auch Angststörungen, Zwangserkrankungen sowie bestimmte Formen von Essstörungen kommen bei Menschen mit Diabetes deutlich häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung.“ Betroffene geraten leicht in einen Teufelskreis hinein: Denn wer psychisch krank ist, kann seine Diabetestherapie kaum mit der erforderlichen Ausdauer und Selbstdisziplin verfolgen. Und Menschen mit Diabetes und psychischen Begleiterkrankungen haben auch körperlich eine schlechtere Prognose, wie Prof. Kulzer erklärte. Ein hohes Level an Diabetesstress gehe nämlich häufig mit Entzündungsreaktionen an den Gefäßen einher und erhöhe damit die Gefahr von Folgeerkrankungen, vor allem am Herz-Kreislauf-System.3

Tipps gegen Diabetes-Stress

  • Austausch mit anderen Betroffenen. Zu erleben, dass man mit seinem Problem nicht allein ist, kann die Motivation stärken und die Psyche entlasten. Für den Austausch eignen sich klassische Selbsthilfegruppen ebenso wie die Online-Community.

  • Realistische Ziele setzen. Niemandem gelingt es, die Glukosewerte ständig optimal im Zielbereich zu halten. Selbst stoffwechselgesunde Menschen haben gewisse Blutzuckerschwankungen. Man darf sich also selbst auf die Schulter klopfen, auch bei Etappenerfolgen.

  • Innehalten und Ziele reflektieren. Es kann helfen, im Alltag immer wieder einmal das Diabetesmanagement zu reflektieren und sich neue Ziele zu setzen – so wie ein Sportler, der das nächste Wettkampf-Level erreichen möchte. Gute Blutzuckerwerte sind kein Selbstzweck. Aber sie können helfen, persönliche Ziele zu erreichen.

Was tun bei Depressionen?

  • Professionelle Hilfe suchen. Wer sich ständig niedergeschlagen, traurig und antriebslos fühlt oder gar Suizidgedanken hegt, sollte sich einer Ärztin oder einem Arzt anvertrauen. Gemeinsam gilt es dann, die individuell passende Therapie zu finden.

  • Entspannung, Bewegung, Licht. Leichtere Verläufe werden häufig zunächst mit allgemeinen Maßnahmen wie Entspannungstherapien behandelt. Auch Sport und Bewegung sowie Lichttherapie (Stichwort Winterdepression) können sich positiv auf die Psyche auswirken.

  • Medikamentöse Therapie. Pflanzliche Arzneimittel werden zumeist aus Johanniskraut hergestellt und sind frei verkäuflich. Verschreibungspflichtige Antidepressiva wirken auf den Hirnstoffwechsel und beeinflussen die Reizübertragung zwischen den Nervenzellen.

  • Psychotherapie. Diese besteht meist aus intensiven Gesprächen und Verhaltensübungen. Bei Depressionen wird häufig die kognitive Verhaltenstherapie eingesetzt, doch auch tiefenpsychologische sowie analytische Psychotherapien sind möglich. Bei einer akuten Depression erfolgt meist eine kurzfristige psychotherapeutische Unterstützung durch die Ärztin oder den Arzt, an die sich eine ambulante Psychotherapie anschließt.

Menschen mit Diabetes sollten also ganz besonders auf ihre psychische Gesundheit achten. Mit den richtigen Maßnahmen, wie einem aktiven Austausch, Reflektion oder auch professioneller Hilfe, können sie aber aus dem Teufelskreis des Diabtes-Stress entkommen oder geraten erst gar nicht hinein.

Quelle

1 Nicolucci, A., et al. (2013). Diabetes Attitudes, Wishes and Needs second study (DAWN2™): Cross‐national benchmarking of diabetes‐related psychosocial outcomes for people with diabetes Diabetic Medicine 30(7), 767-777. https://dx.doi.org/10.1111/dme.12245

Burns, K., et al., (2013). Diabetes Attitudes, Wishes and Needs second study (DAWN2™): Cross‐national benchmarking indicators for family members living with people with diabetes Diabetic Medicine 30(7), 778-788. https://dx.doi.org/10.1111/dme.12239 siehe https://www.novonordisk.de/patienten/diabetes.html?query=dawn2&pno=1

2 Zukunftstag Diabetologie, 17. Oktober 2019 in Berlin https://zukunftstag-diabetologie.de/

3 Ismail, K., et al., (2017). Diabetologia 60(10), 2092-2102. https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00125-017-4367-3

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