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Blick aus dem Auto

Autofahren und Diabetes

Vor einigen Jahren machte der Fall des Fußballprofis Boris Vukcevic Schlagzeilen: Der Kicker hat Typ-1-Diabetes und verlor im  wegen einer Unterzuckerung bei einer Autofahrt die Kontrolle über sein Fahrzeug. Sein Wagen kollidierte frontal mit einem Lkw. Der damals 22-Jährige erlitt schwerste Kopfverletzungen und musste nach einer Notoperation in ein künstliches Koma versetzt werden. Von den Folgen seines Unfalls hat er sich bis heute nicht vollständig erholt und konnte bislang nicht auf den Fußballplatz zurückkehren.

Menschen mit Diabetes im Straßenverkehr

Das öffentliche Interesse am Unfall des Fußballers war riesig. Nicht nur, weil Boris Vukcevic ein prominenter Sportler ist, sondern auch, weil der eine oder andere sich bei solchen Schlagzeilen die Frage stellt: Wie ist die rechtliche Lage im Straßenverkehr für die schätzungsweise sechs Millionen Menschen in Deutschland, die Diabetes und einen Führerschein haben? Und wie sieht es bei Menschen mit Diabetes, die beruflich Busse, Taxis oder Lastwagen fahren? In der Vergangenheit gab es häufig Missverständnisse, ob und unter welchen Voraussetzungen die Betroffenen Auto fahren dürfen.

Empfehlungen gegen Diskriminierung – und für mehr Orientierung

Um in diesen Punkten für mehr Klarheit zu schaffen und gleichzeitig die Sicherheit im Straßenverkehr zu verbessern, hat die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) eine Leitlinie herausgegeben. An diesen wissenschaftlich abgesicherten Empfehlungen können sich alle orientieren, die mit der Frage „Diabetes im Straßenverkehr“ in Berührung kommen. Dies sind Ärztinnen und Ärzte ebenso wie Beratungsteams in den Diabetespraxen, Psychologinnen und Psychologen, Behörden und politische Gremien sowie sozialmedizinische Beratungsstellen – und nicht zuletzt auch Menschen mit Diabetes.

Aufklärung über spezielle Risiken im Straßenverkehr

Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass Menschen mit Diabetes verantwortungsvoll mit speziellen Risiken umgehen können, ist natürlich, dass sie darüber Bescheid wissen. Und so ist in der Leitlinie nachzulesen, dass Menschen mit Diabetes bei jeder Umstellung der Therapie oder Dosisanpassung in der Diabetespraxis darüber aufgeklärt werden müssen, was diese Therapieanpassung für ihre Fahrtüchtigkeit bedeuten könnte. Hier ein Überblick über zentrale Empfehlungen  der Leitlinie sowie einige Tipps, die sich daraus ableiten:

  • Stichwort Recht auf Mobilität. Autofahren bedeutet Mobilität und damit auch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Es ist für viele Menschen Voraussetzung dafür, ihren Beruf ausüben zu können, etwa weil sie mit dem privaten Pkw zu ihrem Arbeitsplatz pendeln müssen. Dies gilt umso mehr für Menschen, die von Berufs wegen Busse, Taxis oder Lastwagen steuern. Ein generelles Fahrverbot für Menschen mit Diabetes wäre unverhältnismäßig und lässt sich auch nicht wissenschaftlich begründen. Deshalb muss jeder Einzelfall individuell betrachtet und ggf. mit einem verkehrsmedizinischen Gutachten untersucht werden. Selbst bei eingeschränkter Fahrsicherheit haben Menschen mit Diabetes zunächst Anspruch auf Hilfen, mit denen sie ihre Fahrsicherheit wiederherstellen bzw. verbessern können, bevor ihnen die Fahrerlaubnis entzogen wird.

  • Stichwort Hypoglykämien. Wenn der Blutzuckerspiegel sinkt, leidet die Konzentrationsfähigkeit. Bei gefährlich niedrigen Glukosewerten kann es sogar zu plötzlicher Bewusstlosigkeit kommen. Deshalb gilt: Menschen mit Diabetes sollten das Risiko für Hypoglykämien möglichst gering halten. Wer Insulin spritzt oder Medikamente einnimmt, die das Hyporisiko erhöhen, sollte vor jeder Autofahrt den Blutzucker messen. Der Wert sollte vor und während der Fahrt nicht unter 90 mg/dl liegen. Bei längeren Fahrten sollte man zwischendurch anhalten und in den Pausen erneut den Blutzucker messen – außerdem sollten schnell wirksame kohlenhydrathaltige Snacks im Auto immer griffbereit sein.

  • Stichwort Hyperglykämien. Auch hohe Zuckerwerte können die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Sie machen müde, benommen und schläfrig. Wenn ein über einen längeren Zeitraum stark erhöhter Blutzuckerspiegel mit Insulin sehr schnell abgesenkt wird – wie es z. B. unmittelbar nach der Diagnose eines Typ-1-Diabetes häufig der Fall ist – kann sich vorübergehend das Sehvermögen verschlechtern. Anders als bei Hypoglykämien gibt es bei Hyperglykämien keine klar definierte Grenze, ab der Experten vom Autofahren abraten.

  • Stichwort Folgeerkrankungen. Wenn infolge des Diabetes das Sehvermögen Schaden genommen hat (diabetische Retinopathie, Makulopathie), sollten Menschen mit Diabetes kein Fahrzeug mehr führen. Gleiches gilt, wenn sie aufgrund von Nervenschäden an den Füßen (diabetische Neuropathie) das Gas- und Bremspedal nicht mehr betätigen können. In manchen Fällen kann das Auto zur Wiederherstellung der Fahrsicherheit aber technisch umgerüstet werden – hierfür gibt es ggf. sogar finanzielle Unterstützung von den Sozialleistungsträgern.

  • Stichwort Begleiterkrankungen. Menschen mit Diabetes sind statistisch häufiger von Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depression, Schlaf-Apnoe-Syndrom oder Demenz betroffen. In diesen Fällen kommt es auf die individuellen Umstände, das Ausmaß der Beeinträchtigung der Fahrsicherheit und die Nebenwirkungen ggf. erforderlicher Medikamente an, ob der Betroffene weiterhin aktiv am Straßenverkehr teilnehmen darf.

  • Stichwort jugendliche Fahranfänger. Junge Menschen mit Diabetes sollten sich möglichst frühzeitig – sprich: noch vor Beginn der Fahrschule – von Ärzten und anderem medizinischem Fachpersonal darüber informieren lassen, inwieweit der Diabetes ihre Fahrsicherheit beeinträchtigen kann. Eine gute Stoffwechseleinstellung hilft bei den Fahrstunden – ebenso wie ein Fahrlehrer, der schon vor Beginn des Fahrtrainings über den Diabetes informiert wurde.

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